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Kultur im Konflikt: Brüche und Brücken

Ringvorlesung der Präsidentin im Wintersemester 2026/2027: Kultur im Konflikt: Brüche und Brücken

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Ringvorlesung der Präsidentin im Wintersemester 2026/2027

Wie navigieren wir durch eine Welt voller kultureller Spannungen? Was verbindet uns, wenn die Fronten verhärtet sind? Wo führen gesellschaftliche Konflikte zu Gräben und wie lassen sie sich überwinden? Die Ringvorlesung der Präsidentin beleuchtet im Wintersemester 2026/27 unter dem Titel „Kultur im Konflikt: Brüche und Brücken“ ein breites Spektrum aktueller Debatten und vereint vielfältige Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine funktionierende Debattenkultur ist das Fundament einer lebendigen und widerstandsfähigen Demokratie. Wir werden deshalb Konflikte im Zuge gesellschaftlicher Transformationen betrachten. Und wir laden das Publikum aus Universität, Stadt und Region herzlich ein, darüber mit uns ins Gespräch zu kommen. 

Die Ringvorlesung nimmt produktive Dynamiken von Konflikten ebenso in den Blick wie die Spannungen zwischen einzelnen gesellschaftlichen Kultursystemen – von politischer Kultur über Wissenschaft bis hin zu Subkulturen. Gemeinsam werden wir außerdem der Frage nachgehen, wie Kunst die Politik beeinflusst und umgekehrt: Welche Rolle spielen Kunstobjekte in politischen Auseinandersetzungen, und warum ist Kultur in internationalen Konflikten so bedeutsam?

Kuratiert wird die aktuelle Ringvorlesung der Präsidentin vom Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK) / International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der JLU.

Zum Plakat der Ringvorlesung

 

Livestream der aktuellen Veranstaltung

Hier finden Sie am Tag der Veranstaltung den Livestream der Ringvorlesung.

Die Aufzeichnungen vergangener Termine finden SIe im Nachgang der jeweiligen Veranstaltung unten in der Terminübersicht.

 

Aufzeichnungen

Sie finden die Vorträge als Livestream zum Veranstaltungstermin auf dieser Seite und dauerhaft auf dem YouTube-Kanal der JLU in der Playlist „Veranstaltungen“:

YouTube-Kanal der JLU Gießen

Veranstaltungsort und -zeit

Die Ringvorlesungsreihe findet in der Aula des Universitätshauptgebäudes, Ludwigstr. 23, 35390 Gießen statt.

Alle Termine finden jeweils montags um 19.15 Uhr statt.

 

Terminübersicht zur aktuellen Ringvorlesung

 

Montag, 2. November 2026

Aushalten und Haltung. Über die Bedingungen demokratischer Streitkultur

Michael Roth, Staatsminister a.D. - Politiker und Publizist

Kurzbeschreibung des Vortrags von Michael Roth 

Die Demokratie lebt vom Streit. Ausgerechnet der Streit um die Sache ist in Verruf geraten. Wie konnte es so weit kommen? Wer hat das gesellschaftliche Klima derart vergiftet, und wer hat dabei mitgeholfen, ohne es zu wollen? Warum überzeugt Empörung heute leichter als das beste Argument? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Menschen einander nach Herkunft, Geschlecht oder Identität einsortieren, statt sie zu fragen?

Michael Roth führt aus, warum die Verrohung der öffentlichen Auseinandersetzung keine Frage des Stils mehr ist, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Kultur und der politischen Macht. Seine Diagnose fällt unbequem aus.

Am Ende steht eine doppelte Zumutung; Manche Fragen vertragen keine Eindeutigkeit und müssen in ihrem Widerspruch ausgehalten werden. Andere verlangen Haltung, und wer ihr ausweicht, lässt Menschen ohne Orientierung zurück. Zu wissen, wann was gilt, ist die eigentliche Kunst des demokratischen Streits.
Ein Auftakt, der Widerspruch nicht nur verträgt, sondern sucht.

Aufzeichnung

 

 

Montag, 9. November 2026

Erinnerungskulturen im Konflikt: Der Hitler-Stalin-Pakt und der Beginn des Zweiten Weltkriegs in Ostmitteleuropa

Prof Dr. Anke Hilbrenner - Professorin für Osteuropäische Geschichte, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Kurzbeschreibung des Vortrags von Prof. Dr. Anke Hilbrenner

Am 23. August 1939 unterzeichneten die Außenminister des Deutschen Reichs und der Sowjetunion Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow im Beisein Stalins das deutsch-sowjetische Nichtangriffsabkommen, den in Deutschland sogenannten Hitler-Stalin-Pakt. Neun Tage später, am 1. September 1939, überfiel Deutschland Polen und entfesselte so den Zweiten Weltkrieg. An diese beiden Sätze knüpfen sich gleich mehrere Kontroversen. Prof. Dr. Anke Hilbrenner zeigt auf, wie unterschiedlich der Zweite Weltkrieg in verschiedenen Ländern Europas erinnert wird.

In Deutschland denken wir oft, dass wir unsere Hausaufgaben in Bezug auf die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gemacht hätten. Der Blick auf die Erinnerung an diesen Krieg in jenen Ländern, die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs geworden sind, erweitert den Horizont. Es gilt, noch einmal ganz neu zu fragen: Wie heißt der Vertrag, und warum nannte man ihn Hitler-Stalin-Pakt? Was waren die Gründe für seine Unterzeichnung? Was folgte daraus für die betroffenen Länder – auch für diejenigen, die in Interessenssphären aufgeteilt wurden? Was waren die Folgen und inwiefern reichen sie bis in unsere Gegenwart? Und schließlich: Wann begann der Zweite Weltkrieg und wer war dafür verantwortlich? Auf all diese Fragen gibt es je nachdem, wen man fragt, unterschiedliche Antworten. Diese Antworten verraten viel über den Zustand Europas und sind angesichts der Herausforderungen der Gegenwart aktueller denn je.

Aufzeichnung

 

 

Montag, 30. November 2026

KI, Gestaltung und Diskurskultur: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…

Dr. Aljoscha Burchardt - Principal Researcher, Research Fellow und stellvertretender Standortleiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), Berlin

Kurzbeschreibung des Vortrags von Dr. Aljoscha Burchardt 

KI geht nicht mehr weg. Im Gegenteil. Sie wird eher schnell als langsam zum Betriebssystem der öffentlichen und privaten Sphäre und wird uns überall beeinflussen: beim Informationszugang, bei unserer Kommunikation oder bei Entscheidungen. Sind wir darauf vorbereitet, die KI-Entwicklung so zu gestalten, dass sie unseren Werten und Vorstellungen dient? So, dass die Menschen glücklich sind, unsere Demokratie lebendig ist, unsere Bildung gute Leute hervorbringt, unsere Wissenschaft hilft, die brennenden Fragen der Zeit zu beantworten, und natürlich auch unsere Wirtschaft die Basis dafür liefert, dass all das finanzierbar ist?

Im Vortrag wird Dr. Aljoscha Burchardt zunächst für ein gemeinsames Verständnis („Framing”) werben, indem er menschliches und maschinelles Lernen vergleicht und an die Grundlagen der gegenwärtig erfolgreichsten KI-Technologien erinnert. Er wird von abstrakten auf konkrete Gestaltungsfragen zu sprechen kommen. Abschließend wird er die Frage nach unserem Selbstverständnis stellen: Wie wollen wir arbeiten, mit dieser oder ohne diese Technologie?  Im Kern geht es um Antworten auf die Frage, was uns am Menschsein wichtig ist.

Aufzeichnung

 

 

Montag, 7. Dezember 2026

Weltpolitik und Organisationsalltag. Wissenschafts- und Kulturinstitutionen nach dem 7. Oktober 2023

Prof. Dr. Teresa Koloma Beck - Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Gesellschaftsanalyse und sozialer Wandel, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg

Kurzbeschreibung des Vortrags von Prof. Dr. Teresa Koloma Beck

Wissenschafts- und Kulturinstitutionen sind gesellschaftliche Reflexionsinstanzen. Die Auseinandersetzung mit Kriegen und bewaffneten Konflikten, die viele Menschen bewegen, gehört deshalb zu ihrem Tagesgeschäft. In den vergangenen drei Jahren waren viele Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen jedoch nicht nur Beobachterinnen geografisch entfernter Konflikte. Vielmehr scheint es, als würden die weltpolitischen Konfliktlagen in den Arbeitsalltag der Organisationen selbst einbrechen. Bisweilen entwickeln sich Krisensituationen, auf die die Organisationen kaum vorbereitet sind, und die mit vielfältigen Belastungen einhergehen.

In ihrem Vortrag geht Prof. Dr. Teresa Koloma Beck der Frage nach, wie diese starken Auswirkungen zu erklären sind und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Im ersten Teil rekonstruiert sie die empirische Konstellation als geografisch entfernten Gewaltkonflikt unter Bedingungen sozialer Nähe. Biografische und erinnerungskulturelle Verflechtungen führen dazu, dass ein großer Teil der Organisationsangehörigen das Konflikt- und Gewaltgeschehen in Israel–Palästina im Modus der Betroffenheit erleben. Im zweiten Teil nimmt sie die institutionellen Antworten auf diese Krisensituation in den Blick.

Aufzeichnung

 

Montag, 18. Januar 2027

Die Empörungsfalle. Wie wir wieder streiten lernen

Prof. Dr. Meron Mendel - Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main, kooperative Professur für transnationale soziale Arbeit, Frankfurt University of Applied Sciences

Kurzbeschreibung des Vortrags von Prof. Dr. Meron Mendel

Prof. Dr. Meron Mendel bringt Menschen mit grundlegend unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Positionen miteinander ins Gespräch. Seine Erfahrungen zeigen: Nicht die Kontroverse als solche ist das Problem der Gegenwart, sondern eine übersteigerte gesellschaftliche Sensibilisierung, die Differenz zunehmend als Gefahr oder Verletzung wahrnimmt.

In seinem Vortrag untersucht Mendel die Bedingungen und Folgen einer öffentlichen Debattenkultur, in der moralische Eindeutigkeit an die Stelle argumentativer Auseinandersetzung tritt. Im Zentrum steht die These, dass eine notwendige Sensibilität für Diskriminierung in eine „Supersensibilisierung“ umschlagen kann. Subjektive Betroffenheit wird zum Wahrheitsbeweis, während kontroverse Positionen moralisch aberkannt werden. Boykottaufrufe, die Forderung nach Safe Spaces in öffentlichen Räumen und die Politisierung von Gefühlen erschweren produktive Auseinandersetzungen und untergraben das demokratische Miteinander. Mendel ist überzeugt: Der Weg aus der Empörungsfalle führt über eine Streitkultur, die Gesprächsräume offenhält, Argumente statt Identitäten zum Gegenstand der Auseinandersetzung macht, und dem Gegenüber widerspricht, ohne es zum Feind zu erklären.

Aufzeichnung

 

 

Montag, 25. Januar 2027

Streitfall Kultur. Der Kampf um „Hegemonie“ in der Ära des Populismus

Dr. Christoph Bartmann - Autor, Kultur-Podcaster und ehemaliger Leiter mehrerer Goethe-Institute (Kopenhagen, New York und Warschau)

Kurzbeschreibung des Vortrags von Dr. Christoph Bartmann

In vielen Ländern ist Kultur zum politischen Kampfplatz geworden, auch in Deutschland. Selten geht es dabei noch um Fragen der Ästhetik oder des Geschmacks. Vielmehr steht die Frage im Zentrum, wer über die staatliche subventionierte Kultur bestimmen soll, oder anders: wer, bewusst oder unbewusst, „kulturelle Hegemonie“ ausüben kann. Viel ist jetzt im rechten Spektrum davon die Rede, man müsse endlich die kulturelle Hegemonie der Linken brechen. 

Aber woran genau erkennt man kulturelle Hegemonie? Wer übt sie aus, mit welchen Mitteln und mit welchem Ergebnis? Einiges, so Dr. Christoph Bartmann, spreche dafür, dass sie in der Ära des politischen Populismus nicht nur durch den politischen Zugriff auf Bildungs- und Kultureinrichtungen zu erlangen ist, sondern vor allem durch die politische Instrumentalisierung der sozialen Medien. Sein Appell: Wer sich im gegenwärtigen Kampf um kulturelle Hegemonie behaupten will, muss den Kampf annehmen und sich mit Strategien vertraut machen, die eigene Erfolge möglich machen.

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Montag, 1. Februar 2027

Kunstfreiheit-Debatten und die globale Kunstwelt nach 1989

Prof. Dr. Monica Juneja - Seniorprofessorin für Globale Kunstgeschichte am Heidelberger Centrum für Transkulturelle Studien, Universität Heidelberg

Kurzbeschreibung des Vortrags von Prof. Dr. Monica Juneja

Wir kennen sie inzwischen allzu gut: abgesagte Ausstellungen, Boykottrufe, Verdächtigungen, Ausladungen, sogar NS-Vergleiche. Es sind allesamt Kontroversen der gegenwärtigen Kunstwelt, die polarisieren: entweder oder, gut oder böse. Eine „fatale Lagerbildung“, so die Analyse der Künstlerin Hito Steyerl, liege den laufenden Debatten um die Kunstfreiheit zugrunde, denen die Kunst selbst zum Opfer gefallen sei. Demnach markieren die jüngsten Krisen das Ende einer kosmopolitischen Ära in der globalen Kunstwelt, die seit 1989 entstanden war. Die Frage ist: Wie lässt sich heute ein unabhängiger Blick jenseits von Identitätsdenken gewinnen? 
In ihrem Vortrag wird Prof Dr. Monica Juneja auf die angeblich euphorischen Zeiten der grenzüberschreitenden globalen Kunst eingehen und die grundlegenden Prinzipien der Kunstwelt nach 1989 kritisch hinterfragen. Diese Sicht ermöglicht es uns, die gegenwärtigen Konflikte um die Freiheit der Kunst – einschließlich der Krise der wichtigsten deutschen Weltkunstschau, der Documenta (d15) – weniger als einen durch die alleinige Wirkung geopolitischer Faktoren verursachten Bruch zu verstehen, sondern vielmehr als logische Folge von 1989. Ihre Überzeugung: Der transkulturelle Ansatz verlangt eine multiperspektivische, differenzierte Analyse von interaktiven Prozessen, die nicht in starren Schablonen – zum Beispiel der neokoloniale Westen und der postkoloniale globale Süden – verhaftet bleibt. Nicht zuletzt kann diese Methode uns dafür sensibilisieren, über welche Wege und Prozesse sich Feindbilder reproduzieren und weiterverbreiten.

Aufzeichnung 

 

Zu den vergangenen Ringvorlesungen